Was ist Heimat?

20.10.2007 · 2 Kommentare · 33 LESER · Drucken

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Darüber haben sich schon viele Leute Gedanken gemacht und diese niedergeschrieben. Es gibt zahllose Geschichten, Romane oder Filme, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Und doch ist die Frage für jeden, der sich mit ihr konfrontiert sieht, stets so etwas wie ein Mysterium.

Schön ist hier ja nicht gerade. Das ist zum Beispiel eine Feststellung, die ich im Lauf meines Lebens immer wieder mit dieser Frage verbunden habe. Wir leben mitten in einem großen Braunkohleabbaugebiet. An der Stelle, an der meine Schwester und ich eine glückliche und behütete Kindheit erlebten, ist heute ein riesiges Loch. Eine Braunkohlengrube gewaltigen Ausmaßes. Nicht einmal annähernd könnten wir heute bestimmen, wo wir diese Kindheit verlebt haben. Vielleicht, so hoffen wir, ist der "Sonnenhof", wie das Gelände hieß, auf dem wir damals lebten, heute durch das Perings-Mar ersetzt worden. Diese Frage bleibt wohl unbeantwortet. Damit hätten wir zumindest eine örtliche Orientierung. Aber das beruht lediglich auf einer Schätzung, die wir gemeinsam angestellt haben.

Vielleicht werde ich auch irgendwann, wenn ich mal in Rente bin, die Initiative ergreifen und bei Rheinbraun oder beim RWE versuchen, die Unterlagen zu beschaffen, um die Bestimmung des Ortes doch noch vornehmen zu können.

Häufig wird man im Laufe des Berufslebens damit konfrontiert, dass man seinen Lebensmittelpunkt näher an den Ort seines Arbeitsplatzes heranführt. Vor einer solchen Entscheidung habe ich lange Zeit nicht gestanden. Seit März dieses Jahres befindet sich mein Arbeitsplatz ca. 150 km von meinem Wortort entfernt. Hat sich so ergeben.

Einer meiner ehemaligen Chefs sagte einmal, heute sei es nötig, dem Job zu folgen, schon aus Vernunftsgründen. Sein Sohn hat einige Jahre aus beruflichen Gründen in England gelebt. Er weiß insofern, wovon er spricht. Ich bin schon von Kind an ein großer Fan der Schweiz. Viele Male war ich im Lauf meines Lebens dort. Meistens im Berner Oberland, nahe Thun. Dort würde ich gerne leben und arbeiten. Hat aber nie geklappt. Also leb ich nach wie vor inmitten des Braunkohletagebaus.

Mit meinen fast 54 Jahren habe ich meine Heimat nie verlassen.  Die Straße, in der ich geboren wurde, ist nur wenige Kilometer von der Stelle entfernt, an der ich heute mit meiner Frau lebe. Nur ganz wenige Mitglieder unserer großen Familie wohnen außerhalb eines Umkreises von 10 Km. Ein guter Freund ist vor 30 Jahren nach Köln gezogen. Er lebt dort und, wenn wir uns unterhalten, kommt immer wieder durch, dass er es sich einfach überhaupt nicht vorstellen könnte, noch einmal hier in der Provinz zu leben. Er und seine Familie sind eben Städter.

Aber was hält uns davon ab, unsere Sachen zu packen und einfach irgendwo anders hinzuziehen? Und wenn es nur 50 oder 100 km südlich von hier wären. Ich wäre näher an meiner Arbeitsstelle, und wir würden einiges an Kosten einsparen. Das ist einfach nicht leicht zu beantworten. Sicher, meine Mutter, meine Familie lebt hier, wie auch die meiner Frau. Aber wann sehen wir uns schon? Alle paar Wochen mal. Das könnte man ohne weiteres auch beibehalten, wenn man die paar Kilometer weiter wegwohnen würde. Nur, so einfach ist eben doch nicht!

Ich bewundere die Leute, die ihre Sachen packen und einfach auswandern. Nach Kanada oder nach Neuseeland. Wie kann man nur so mutig sein? Sie weinen und sind traurig, wenn sie sich von ihren Freunden und Familien verabschieden, aber sie ziehen es durch. Für solche Abenteuer bin ich einfach nicht gemacht, und ich schätze, dass das wohl den allermeisten Menschen so geht.

Aber andererseits, was hält uns hier? Wir lesen doch ständig darüber, dass viele Menschen Deutschland verlassen. Oder, es geht auch eine Nummer kleiner: Viele Leute verlassen ihre Heimat und ziehen in Nachbarländer oder andere Bundesländer – des Jobs wegen. Wenn es sein müsste. Klar, ich würde das auch tun.

Nur, hat meine Abneigung, hier wegzugehen, tatsächlich etwas mit Heimat bzw. mit Heimatverbundenheit zu tun oder ist es nicht einfach nur Bequemlichkeit, die mich davon abhält, einen Umzugswagen zu bestellen?

Gefühle sind eben wirklich schwer zu beschreiben. Eines ist jedenfalls sicher: Ich will hier nicht weg. Und meine Frau auch nicht! Obwohl, bei ihr bin ich mir nicht so ganz sicher.

Der Nachnachnachzügler: Heimat: Die Nachzügler

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{ 2 Kommentare }

1 Karsten 21.10.2007 um 11:56 Reply to this comment

Ich war noch nie in Bedburg, aber ich wohne ja ganz in Deiner Nähe. Und muss sagen, dass ich hier auch nicht wieder weg will, auch wenn es nicht mein Geburtsort ist. Mit Bequemlichkeit hat es auch nichts zu tun, umgezogen bin ich nun wirklich schon oft genug. Ich finde diese Gegend einfach wunderschön… und das Leben halb auf dem Land, halb in der Stadt, also im “Speckgürtel” von Köln, hat wirklich etwas für sich.

2 apollon 21.10.2007 um 12:18 Reply to this comment

Als Kind war ich oft in der Schweiz. Der Vater meines Freundes hatte dort ein großes Haus und war dort in die Gemeine voll eingebunden. Das rührte auch daher, dass seine Mutter Schweizerin war. Er hatte mal ein paar Kinder aus diesem Ort nach Bedburg eingeladen. Sie waren, als sie in den großen Ferien zu uns kamen, kreuzunglücklich. Am Thunersee ist es ja auch einen Tick schöner als hier im Braunkohleabbaugebiet :-)
Mir ging es als Kind aber auch nicht viel anders. Ich war einfach seelig, wenn ich nach 6 Wochen endlich die Schweiz wieder verlassen und zurück in die Heimat konnte. Naja, da spielten natürlich auch noch ein paar andere Dinge eine Rolle. Aber Heimat ist eben Heimat. Außerdem ist es in den letzten Jahrzehnten hier ja auch wirklich viel schöner geworden. Ich schimpfe ja gern über Rheinbraun und RWE. Aber in dieser Beziehung (Rekultivierung) haben die auch viel Gutes geleistet. Andererseits fehlen mir die alten Orte meiner Kindheit und auch die Waldgebiete, auf deren Wiederauferstehung man noch Jahrzehnte warten muss. Heute gibt’s solche nur in Ansätzen und es sind (was bestimmt auch zweckmäßig gewesen ist) Monokulturen.

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