Hans Leyendecker: Die große Gier

21.10.2007 · 8 Kommentare · 27 LESER · Drucken

Er ist einer der bekanntesten und wahrscheinlich auch bedeutendsten Journalisten Deutschlands. Außerdem ist er mir in seiner Art, in der er sich auch zu emotional sehr aufgeheizten Themen in der Vergangenheit geäußert hat, sehr sympathisch. Er ist jemand, der seine Verantwortung offenbar sieht und ernst nimmt. Nicht selbstverständlich, angesichts entgegengesetzter Erfahrungen, die wir mit unseren Medien machen.

Umso wichtig ist es, was Leyendecker bei der Präsentation seines neuen Buches: “Die große Gier” zur “Standortbestimmung” von Weblogs angemerkt hat:

Ich sehe sehr viel vorurteilsbewusste Leute, die im Internet schreiben. Leute, die zum Teil antidemokratisch sind. Was ich verfolge im Internet, ist nicht, dass es eine neue Stimme gibt, die wichtig ist für eine gesellschaftliche Diskussion, sondern es gibt eine unglaubliche Vorverachtung gegenüber jedermann.

Ich hab das Gefühl, dass im Internet ganz viele Menschen schreiben, weil sie irgendwas mal rauslassen können, was man sonst nicht mehr am Stammtisch rauslassen kann. Unqualifiziert, zum Teil. Ich hatte gedacht, dass durch das Internet und durch die Blogs auch eine Sicht reinkommt (die gibt’s auch mitunter, das muss man auch sagen … ) Aber der Grossteil der Sachen, die ich lese, ist böse, ist zynisch, ist verachtend, ist gegen jedermann. Und das ist eigentlich nicht die Vorstellung, wie man einen gesellschaftlichen Diskurs zu führen hat. Nun wird man abwarten müssen, ob es beispielsweise Blogs gibt, die die Situation in der Stadt oder so beschreiben. Dass man das, was die Zeitungen nicht leisten können, was der Rundfunk nicht leisten kann, ob man das da hinbekommt. Das gibt’s in Amerika ja, solche Geschichten, das Menschen sich da auch wiederfinden. Nur ich finde, in Deutschland (das was ich jedenfalls sehen kann) ist eine unglaubliche antidemokratische, antiparlamentarische Form, die eigentlich von der Vorverachtung lebt.

Quelle: Medienlese.com

Mich haben Leyendeckers Ansichten über Weblogs deshalb nicht überrascht, weil ich sie teile. Viele von uns schreiben, um etwas “rauszulassen” (ich nehme mich da keineswegs aus) und leider äußert sich in manchem Text eine, wie ich finde, ausgesprochen mangelhaft entwickelte demokratische Kultur, wenn man von einer solchen überhaupt reden möchte und nicht eher bereits das Gegenteil unterstellen müsste. Dass er wirklich enttäuscht darüber ist, nehme ich ihm allerdings nicht ganz ab. Mancher Leute Aussage, die sie im Internet beispielsweise besonders kritisch zum Zusammenleben mit Muslimen tun, werden sich nicht auf diesen virtuellen Raum begrenzen. Vielleicht sind sie dort nur ungehemmter. Man wird gegen solche Stimmen nicht viel ausrichten können. Außer natürlich, dass man gegen sie anbloggt. Und das tue ich und halte dies für ein urdemokratisches Vorgehen.

Für meinen Teil gebe ich mir Mühe, mir die Ansage Leyendeckers hinter die Ohren zu schreiben und mich darum zu bemühen, mein Blog nicht mit «Vorverachtung» zu füttern.

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1 Rolf Schälike 21.10.2007 um 09:58 Reply to this comment

Vorverachtung kann verbal, grob und damit wirklich oder scheinbar undemokratisch sein.
Die Vorverachtung kann sich jedoch ebenfalls in Höflichkeit und gutem Benehmen äußern. Damit word diese nicht demokratischer.

Die Eliten – Politiker, Manager, Wissenschaftler, Jopurnalisten, Juristen u.a. – besitzten eine große Portion an Vorverachtung gegenüber jedermann.

Die Achtung des Andersdenkenden, Andershandelnden, Anderslebenden, anderer Kulturen, andeer Sitten und Gebräuche ist nicht so leicht, wenn es um die eigenen Interessen geht.

2 Jochen Hoff 21.10.2007 um 10:35 Reply to this comment

Ich glaube das sich Hans Leyendecker irrt. Im Gegensatz zu den Qualitätsmedien, greifen Blogs ihre Themen immer von der persönlichen Seite her auf. Sie erkennen die Zusammenhänge und berichten. Das ist aber nicht Vorverachtung sondern einfach Erfahrung.

Da es keine positive Politik für die Menschen mehr gibt, und die meisten Unternehmen, sich von neoliberalen wirtschaftsfaschistischen Denkmodellen steuern lassen, gibt es auch kaum positive Berichterstattung.

Leyendecker muss ausgewogen schreiben. Er muss die Leserschaft seiner Zeitung bedienen und zwar alle. Ein Blogger entscheidet täglich was er schreiben und will und investiert seine Kraft meist in die Themen die ihn stören.

Ich überlege selbst des öfteren mal positivere Nachrichten zu bringen. Die sind aber alle eher im Privatleben oder an so ausgefallenen Ecken, das sie kaum erzählbar sind.

Also bleibt alles wie es ist.

3 apollon 21.10.2007 um 10:49 Reply to this comment

@Rolf Schälike: Ich denke, dass Sie recht haben. Damit haben wir in meinem Verständnis aber keinen Widerspruch. Es geht insgesamt darum, mit möglichst wenig “Vorverachtung” an ein Thema heranzugehen bzw. mit dem Schreiben zu starten. Gerade Blogger, die sich weniger dem Vermitteln von Nachrichten als vielmehr der Verbreitung ihrer Meinung verpflichtet fühlen dürften, würde es nicht schaden, wenn sie sich einem Thema ein wenig objektiver annähern würden.

Mit Vorurteilen gegenüber anderen Menschen wird man, glaube ich, nie zu einem klaren Urteil kommen, das auch nur ansatzweise neutral ist. Nur, und da liegt vielleicht die Crux, persönlich habe ich diesen Anspruch auch nie gehabt. Ich schreibe über Dinge, die mir in den Sinn kommen und halte das für demokratisch bzw. die Möglichkeit hierzu für die Einlösung eines Versprechens, das mir unser Grundgesetz gegeben hat.

4 apollon 21.10.2007 um 10:53 Reply to this comment

@Jochen: Diesen Unterschied zwischen “der” Presse und uns Bloggen sehe ich genauso wie du. Aber bedeutet das, dass wir uns in unseren, sagen wir mal, mitunter etwas überbordenden Kritiken an den bestehenden Institutionen, nicht auch mal vergaloppieren? Wir betreten als Blogger quasi einen öffentlichen Raum. Damit gelten für uns auch andere “Gesetze”. Ich bin persönlich schon bereit, das anzuerkennen und dazuzulernen. Deshalb muss man andererseits keinesfalls die Form und die Gestalt der Auseinandersetzung mit Fehlentwicklungen grundlegend verändern. Nur muss man sich über die Wirkungen im klaren sein.

5 Rolf Schälike 21.10.2007 um 11:31 Reply to this comment

Auch in den Chefetagen und unter den Managern sowie Politikern herrscht ein derber, oft beleidigender Ton. Nicht selten wird geschrien. Intrigen gehören zum Karriereerfolg.

Der Unterschied besteht darin, dass es im Wesentlichen für die Öffentlichkeit geheim abläuft, und dass sich die Politiker, Manager etc. sich einbilden, gebildet zu sein.

Guter Ton nach äußen gehört zwar zur Bildung, ist aber nicht Voraussetzung. Auch grobe und unflätige Menschen können hoch gebildet sein.

Die Bloggerszene erlaubt allen, sich zu artikulieren.

Gelernt sollte werden mit der neuen Häufung an Beleidigungen, Schmähungen, Lügen, Schimpfwörtern auch neu unzugehen, und nicht mit den alten Mitteln, wo es noch kein Internet gab, und keine Möglichkeit, über den Stammtisch hinaus sich Luft zu verschaffen.

Es konnte auch früher auf den Chefetagen und unter den Politikern gelogen und intrigiert werden. Nicht nur da.

Dass die Öffentlichkeit adequat ungezogen reagiert, ist nicht schlimm.

Insgesamt sollte jedoch mehr in die Bildung investiert werden.

6 apollon 21.10.2007 um 12:09 Reply to this comment

@Rolf Schälike: Sie sagen, dass mehr in Bildung investiert werden sollte, stellen jedoch gleichzeitig fest dass Bildung keineswegs davor bewahrt, sich grob und unflätig zu artikulieren. Vielleicht wird innerhalb unserer Bildungsinstitutionen zu wenig Wert gelegt auf den humanistischen Aspekt. Vielleicht ist der zivilisatorische Fortschritt in Bezug auf menschliche Umgangsformen aber auch einge- und überholt durch unsere Überforderung durch die neuen Medien?

Mir wäre es lieber, wir würden nicht, wie Sie schreiben, lernen, mit einer “neuen Häufung an Beleidigungen, …” umzugehen, sondern uns darauf besinnen, das Menschen auch eine andere Seite haben. Das klingt etwas schlicht. Und angesichts der Entwicklung, die ja leider ist wie sie ist, kann ich verstehen, wenn man da anders denkt.

Ich bin bereit, mich auf die neuen Medien einzulassen. Nee, ich habe mich ja längst darauf eingelassen. Aber ich bin nicht unter allen Umständen dazu bereit, mir durch unser Leben mit diesen Medien neue Werte aufdiktieren zu lassen. Sie verstehen schon, was ich meine.

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